Holger Merlitz

Havarie an der GKSS am 12. September 1986

Holger Merlitz

Auf dieser Seite sammle ich Indizien für die plausible, aber nicht gesichert bewiesene These, dass es an der Kernforschungsanlage GKSS in der Elbmarsch bei Geesthacht einen Unfall mit Freisetzung von Radioaktivität gab. Der wahrscheinlichste Zeitpunkt dieser Havarie ist der frühe Morgen des 12. September 1986. Es wird vermutet, dass die damit verbundene Kontamination der Umgebung die Ursache für die Häufung von Blutkrebserkrankungen in der Elbmarsch, bekannt als "Leukämiecluster Elbmarsch", war. Einen Überblick biete ich auf einer separaten Webseite.

Was passierte nachweislich am 12.09.1986?

Es ist nachgewiesen, dass es an diesem Tag im Großraum Geesthacht zu einer Freisetzung von Radioaktivität kam. Einen detaillierten Bericht findet man in der Publikation von Feuerhake aus dem Jahre 2005 ([1], siehe unten). Man liest dort u.a.:


Anfangsverdacht: Kernkraftwerk Krümmel

Dieser Vorfall am 12.09.1986 wurde vom KKW Krümmel als Bagatelle heruntergespielt. Es wurde bald behauptet, natürliches Radon aus dem Untergrund habe diese Ausschläge an mehreren Meßstationen ausgelöst. Das ist derart unglaubwürdig, dass ich hier gar nicht weiter auf dieses "Radonereignis" eingehen werde, denn es liegen ja genügend Messungen vor, die zeigen, dass nach September 1986 die Welt um Geesthacht nicht mehr dieselbe war.

Abbildung 1: Dosimeterwerte Krümmel ("TLD") und GKSS ("RPL"), modifiziert aus [1]

Hier ist nur ein Beispiel aus [1], die Messwerte an Dosimetern, die an den Begrenzungszäunen des KKW Krümmel ("TLD") und der GKSS ("RPL") angebracht waren. Dosimeter waren früher nicht viel mehr als Filmstreifen, sind inzwischen jedoch mit Kristallen ausgestattet, an denen die akkumulierte Dosis ausgelesen werden kann. In diesem Fall wurden die Dosimeter einmal jährlich ausgelesen. Die roten Balken habe ich hinzugefügt, um die Tendenzen besser zu erkennen: Es gibt eine Phase vor 1986 mit niedriger Dosis um 40 mSv. 1986 erfolgte ein Sprung, auf knapp 100 mSv bei Krümmel und 190 mSv bei der GKSS. Auch in den Folgejahren blieben die Dosiswerte stets erhöht, was nur zu einem kleinen Anteil an Tschernobyl lag, dessen Einfluss ja an vielen anderen Stellen gemessen wurde und viel geringer ausfiel.

Der Vorfall wurde jedenfalls vergessen, bis 1990, als plötzlich erhöhte Leukämiefälle in der Elbmarsch auftraten. Es folgten Expertenkommissionen, Gutachterschlachten und immer wieder das Ergebnis, dass weder Krümmel noch andere externe Faktoren sicher mit den Leukämiefällen in Verbindung gebracht werden konnten. Erst als die ARGE PhAM kurz nach der Jahrtausendwende erstmals radioaktive Mikrokügelchen fand, und Umweltaktivisten dann den externen Gutachter Mironov aus Minsk für Analysen der Bodenproben gewinnen konnten, wurde klar, dass die Kontaminationen in der Elbmarsch nichts mit Krümmel zu tun hatten.

Mit der ZDF Sendung "Und keiner weiss warum" [3] wurde dann auch öffentlich ein Umdenken eingeleitet, die GKSS rückte ins Zentrum der Analysen, und die Indizien begannen plötzlich Sinn zu machen.


Wieso plötzlich die GKSS?

Die Indizien verhärteten sich sehr schnell, als man begann, die Puzzlestücke zusammenzufügen:


Was bleibt weiter spekulativ?

Bis hierhin ist mein kleiner Bericht relativ gut durch Daten oder zumindest plausible Indizien belegt. Was wir bislang nicht wissen, ist, wo der Brand stattfand, und was dessen Ursache war. Die Feuerwehr könnte die erste Frage beantworten, und ein Mitarbeiter der GKSS die zweite, aber wir haben nicht diesen Luxus, uns hier bedienen zu können. Also darf vorläufig noch wild spekuliert werden, bis hoffentlich einmal neue, gesicherte Fakten auftreten werden.

Abbildung 3. Links: GKSS, ingendwann während der 1980er Jahre, aus [5]. Rechts: Luftbild, mit dem KKW Krümmel im Hintergrund, vermutlich aus den frühen 2000er Jahren, aus [6].

Die linke Abbildung zeichnet ganz rechts, gleich neben dem Rundbau der ANEX (3), die Experimentierhalle für Physik aus (4). Hier stand offenbar jene Meßstation, von der in Abb. 2 die Rede ist und die im September 1986 "aufgrund eines Brandes versetzt" werden musste. Auf dem späteren Luftbild (Abb. 3 rechts) ist die ANEX unverändert, ebenso umliegende Gebäude (5), (6), (7), und das große Reaktorgebäude (1). Die Experimentierhalle für Physik ist jedoch deutlich verändert, sie bildet jetzt ein großes 'L' anstelle zweier deutlich getrennter Gebäude. Eine normale Erweiterungsbaumaßnahme, oder ein Neubau nach einem Brand? Diese Frage dürfte sich klären lassen. Nördlich der ANEX steht jetzt zudem ein ganz neuer Gebäudekomplex, wo 20 Jahre zuvor Wald war.

Das ZDF versuchte, anhand von Landsat-Aufnahmen Veränderungen in der Vegetation kurz vor und nach dem Unfall auszumachen [3], und kam auf einen möglichen Ort der Havarie am nordwestlichen Zipfel des GKSS Geländes, auf halbem Wege zum Ummspannwerk. Das wäre ein Areal, sichtbar im rechten Luftbild, wohl etwas rechts von dem isoliert stehenden Turm, zwischen GKSS und Krümmel. Ob die Satellitenaufnahmen hinreichend Auflösung bieten, um das entscheiden zu können, mag ich nicht beziffern. Ich habe solche Landsataufnahmen heruntergeladen (sie sind frei verfügbar auf der Seite Earthexplorer), fand jedoch deren Auflösung zu gering, um einzelne Gebäude der GKSS sichtbar machen zu können. Grundsätzlich scheint es plausibel, dass man potenziell kritische Experimente lieber etwas abseits in einer Experimentierhütte in der Pampa anstellte, um mögliche Schäden am Institut zu minimieren. Die Untersuchungskommission berichtet von Brandspuren in einem Areal zwischen GKSS und KKW Krümmel, und erwähnt ein Luftbild, das vor dem Unfall noch ein Gebäude an dieser Stelle zeigen soll [4]. Dieses Luftbild habe ich bisher noch nicht finden können.

Noch spekulativer als der Brandort ist die Ursache des mutmaßlichen Unfalls. Detlev zum Winkel berichtet in seinem Report "Absolut skrupellose Leute" [6] von seinen Gesprächen mit dem abtrünnigen ehemaligen Kerntechniker Heinz-Werner Gabriel, der einst an der Speerspitze der Entwicklungen neuer Reaktorsysteme, u.a. des Kugelhaufenreaktors in Hamm, mitwirkte, und später im Rahmen der ARGE PhAM die Mikrokügelchen in der Elbmarsch identifizierte. Gabriel ist davon überzeugt, dass die Kontaminationen in der Elbmarsch von einem außer Kontrolle geratenen Experiment mit modifizierten Kernbrennstoffen stammt, und nennt einen (zwar nicht vertuschten, jedoch bagatellisierten) Vorfall im Januar 1987 in Hanau-Wolfgang, der zu demselben Ergebnis führte. Das wären dann zwei nahezu identische Unfälle in Deutschland innerhalb von vier Monaten.

Obwohl ich einst Kernphysik studiert habe, kann ich nicht beurteilen, ob diese Spekulationen Hand und Fuß haben, jedoch könnten diese Isotope, die später in der Elbmarsch gefunden wurden, durchaus mit solch einem Szenario vereinbar sein. Zudem scheint Gabriel sehr gut informiert gewesen zu sein, und es schadet sicher nicht, sich ein wenig mit seinen Aussagen auseinander zu setzen. Ich werde in einem separaten Artikel darüber berichten, sollte ich weitere Details zu diesen Fission-Fusion Hybridreaktoren finden, von denen die Kerntechniker damals geträumt haben.


In was für einem Milieu kann es zu solchen Unfällen kommen?

Zum Schluss stellt sich mir als praktizierender Wissenschaftler die Frage, welch ein Forschungsklima eigentlich vorherrschen musste, damit es zu solch einem Unfall hat kommen können. Dies ist eher eine gesellschaftlich/soziologische Frage, die Aspekte wie Streben nach nationaler Energiesicherheit, Forschungsfreiheit, institutionelle Grauzonen und Netzwerke, bewusste Intransparenz und hemdsärmelige Experimentierpraxis miteinander verwebt [7]. Diese Analyse ist deshalb von essentieller Bedeutung, weil manche Politiker wie der CSU-Chef Söder schon wieder den Ausstieg aus dem Atomausstieg propagieren und die Konstruktion von "smarten Mini-Meilern" fordern, die diesmal "garantiert unfallsicher" sein sollen. Ein Wiedereinstieg in die Kerntechnik darf nur unter komplett neuen Rahmenbedingungen stattfinden, unter denen Vertreter der Umweltschutzverbände dieselben Entscheidungsbefugnisse erhalten wie die Vertreter der Industrie, damit sich nicht noch einmal eine toxische Fehlerkultur breit machen kann, die die Allgemeinheit gefährden würde.


Zum Nachlesen